Vom Fließband in den Bundestag

Josip Juratovic ist seit dem Jahr 2005 sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Heilbronn. Als ehemaliger Fließbandarbeiter ist er im Bundestag ein Exot. Als erster Bundestagsabgeordneter mit kroatischem Migrationshintergrund schrieb er selbst ein kleines Stück bundesdeutscher Geschichte.

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Eine neue Heimat in Gundelsheim

Josip Juratovic wird am 15. Januar 1959 im kroatischen Koprivnica geboren. Im Jahr 1974 folgt er seiner Mutter nach Deutschland und wird im württembergischen Gundelsheim (Landkreis Heilbronn) heimisch.

“In Gundelsheim war ich auch wegen der Sprache sehr schnell in der Jugend-Szene integriert, zumal ich ein sehr kontaktfreudiger Mensch bin. Weil es in Gundelsheim keinen Ort für uns Jugendliche gab und wir nicht mit den Älteren in den Kneipen herumhängen wollten war uns klar: Wir brauchen einen Jugendtreff. Wir traten in Verhandlungen mit der Stadtverwaltung und erreichten nach der Überwindung einiger Hürden unser Ziel. Genau genommen war dies mein erster politischer Erfolg.“

“Dürfen Ausländer bei Euch mitmachen?“ – Der Weg in die SPD

Nach seinem Hauptschulabschluss bekommt Josip Juratovic zuerst keinen Ausbildungsplatz und besucht deshalb ein Jahr die Berufsfachschule in Neckarsulm.

Danach klappt es: In einer Auto-Werkstatt in Bad Rappenau absolviert Josip Juratovic eine Lehre zum Kfz-Mechaniker. Seinen ersten Job nach der Ausbildung nimmt Josip Juratovic in Mannheim an. Dort tritt er auch in die SPD ein.

Ich entdeckte in der Mannheimer Fußgängerzone einen Infostand der SPD. Spontan ging ich hin und fragte den wackeren Genossen unter dem SPD-Schirm: „Dürfen Ausländer bei Euch mitmachen?“ Er wusste dies nicht und musste erst einmal seinen Vorsitzenden fragen. Ich durfte.

Rückkehr nach Gundelsheim

Nach nur einem Jahr kehrt Josip Juratovic zurück nach Gundelsheim. Er bekommt Arbeit im Neckarsulmer Werk von Audi und arbeitet dort in der Lackiererei.

Gleichzeitig gründet Josip Juratovic 1984 mitten in der CDU-Hochburg Gundelsheim eine Juso-Gruppe und reaktiviert den SPD-Ortsverein, dessen Vorsitz er auch übernimmt.

„Lange politische Diskussionen waren nicht unser Ding, spätestens nach einer halben Stunde hatten meine Jungs genug davon. Stattdessen bereicherten wir Gundelsheimer Jusos das Leben unserer Stadt durch konkrete soziale und umweltpolitische Aktivitäten, aber auch kulturell, indem wir etwa die angesagten Musikgruppen Nazareth und The Dubliners im Rahmen ihrer Deutschlandtourneen in die Provinz holten. Mit dem reaktivierten SPD-Ortsverein gelang es uns, die Zahl der Stadträte von damals zwei bis auf zwischenzeitlich sieben kontinuierlich zu erhöhen.“

Verantwortung in Gewerkschaft und Partei

Sieben Jahre lang arbeitet Josip Juratovic in der Lackiererei am Fließband bei Audi in Neckarsulm – eine harte und ungesunde Arbeit. Später kann er als Produktprüfer in die Qualitätssicherung wechseln.

Gleichzeitig übernimmt er Verantwortung in seinem Betrieb: Zuerst als Vertrauensmann der IG Metall und ab dem Jahr 2000 auch als Mitglied des Audi-Betriebsrates.

Neue Brücken – Friedensarbeit auf dem Balkan

Als Anfang der 1990er-Jahre das ehemalige Jugoslawien im Bürgerkrieg versinkt will Josip Juratovic nicht tatenlos zusehen und der Spirale aus Hass und Gewalt ein Ende setzen. Er gründet innerhalb der IG Metall die Organisation „Novi Most – Neue Brücke“ in der sich in Deutschland lebende Ex-Jugoslawen zusammenschließen um friedliche Wege aus dem Balkan-Konflikt zu finden.

Für die kroatischen Nationalisten gilt Juratovic als Verräter. Im kroatischen Parlament stellen nationalistische Abgeordnete Juratovic an den Pranger.

„Ich verstand, dass all die politischen Auseinandersetzungen, die wir in Deutschland führten, so unbedeutend waren im Vergleich zur Frage von Krieg und Frieden. Und ich habe gelernt, dass die Weltgemeinschaft einen derartigen Bürgerkrieg nicht hinnehmen darf, sondern entschlossen handeln muss. Ich versuchte, mit der Initiative „Novi Most – Neue Brücke“ einen kleinen Teil dazu beizutragen.“

Vom Fließband in den Bundestag

Sein Engagement in der SPD führt Josip Juratovic in den 1990er Jahren in den SPD-Kreis- und –Landesvorstand. 1998 nimmt Josip Juratovic die deutsche Staatsbürgerschaft an, 2004 wird er in den Gemeinderat seiner Heimatstadt Gundelsheim gewählt.

Als die Unterländer SPD 2005 einen Nachfolger für den 2002 nicht mehr wiedergewählten Bundestagsabgeordneten Harald Friese sucht wirft der Landesvorsitzende der Gewerkschaft GEW, Rainer Dahlem, seinen Hut in den Ring.

Josip Juratovic erklärt ebenfalls seine Kandidatur, die von den Medien als chancenlos bezeichnet wird. Er vertraut auf die Kraft seiner Botschaft: Als Arbeitnehmer will er im Bundestag glaubwürdig und bodenständig die Interessen der „kleinen Leute“ vertreten. Die Botschaft kommt an: In einer knappen Abstimmung setzt sich der Außenseiter Josip Juratovic durch und wird SPD-Kandidat im Wahlkreis Heilbronn. (Hier SWR-Radio-Bericht anhören!)

Nur wenige Wochen später gelingt Josip Juratovic der nächste Erfolg: Nachdem er zunächst für Platz 25 der SPD-Landesliste vorgesehen ist, tauscht der SPD-Landesvorstand Josip Juratovic auf den sicheren Platz 15 der Liste. Der SPD-Landesparteitag bestätigt dieses Votum – Josip Juratovic hat sein Ticket nach Berlin gelöst.

Als Arbeiter im Bundestag

Seit dem Jahr 2005 ist Josip Juratovic sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Heilbronn. Im Ausschuss für Arbeit und Soziales engagierte er sich zwischen 2007 und 2013 für gute Arbeitsbedingungen und gerechte Entlohnung. Dabei wurde sein Rat besonders geschätzt, weil er die Auswirkungen der Gesetzgebung durch seine lange betriebliche Erfahrung gut einschätzen kann. Für das Ziel, durch weltweit gute Arbeit und soziale Standards Krisen auf zivile Weise vorzubeugen, kämpft Juratovic ab 2013 als Mitglied des Auswärtigen Ausschusses.

Josip Juratovics ganzer Einsatz gilt den Menschen in seinem Wahlkreis Heilbronn. Sein wichtigstes Ziel ist die Sicherung von Wohlstand und Arbeit im Unterland. Deshalb kämpft Josip Juratovic vehement für den Ausbau der Infrastruktur für die lokale Wirtschaft. Mit dem Bau des neuen Container-Terminals im Heilbronner Hafen und dem Ausbau der Neckarschleusen von Mannheim bis Plochingen wurde dabei seit 2005 schon viel auf den Weg gebracht.

Als ehemaliger Hauptschüler setzt er sich leidenschaftlich für mehr Ausbildungsplätze und Perspektiven für junge Menschen ein.

Josip Juratovic ist verheiratet mit seiner Frau Christina. Sie haben drei erwachsene Kinder und leben in Gundelsheim-Böttingen (Landkreis Heilbronn).