Juratovic in der Heilbronner Stimme: „Für die Einhaltung der Menschenrechte tue ich alles, was in meiner Macht steht.“

11/02/2017

Arzt droht die Todesstrafe

Teheran/Heilbronn  Ein in Schweden lebender iranischer Mediziner wurde während eines Heimatbesuches verhaftet – Seine Freunde und Politiker kämpfen um sein Leben. Auch in Baden-Württemberg findet die Aktion Unterstützer – darunter ein aus Heilbronn stammender Arzt.

Von Hans-Jürgen Deglow

Im Iran haben am Freitag die Feierlichkeiten zum 38. Jahrestag der Islamischen Revolution begonnen. Eine unruhige Zeit, die von unterschiedlichen Lagern genutzt wird. Auch die Falken im Land, die gegen neue Verträge mit dem Westen und gegen das Atomabkommen sind, wollen ihre Macht festigen. Eine denkbar schwierige Gemengelage, um einen Freund zu retten. Doch ein Heilbronner Arzt und seine Mitstreiter geben nicht auf.

Rückblende: Es ist der 25. April 2016. Ahmadreza Djalali, ein in Schweden lebender iranischer Professor für Katastrophenmedizin, reist zu einem Kongress und Workshops in seinem Heimatland. Der Facharzt für Notfallmedizin wurde eingeladen. Der renommierte Spezialist, den seine Freunde als „stolzen Iraner“ beschreiben, ist mit dem Auto von Teheran nach Karadsch unterwegs, einer Stadt nordwestlich der Hauptstadt. Plötzlich wird der Wagen gestoppt. Sicherheitskräfte nehmen den völlig überraschten Arzt fest und bringen ihn an einen unbekannten Ort, bevor er schließlich im Evin-Gefängnis in Teheran inhaftiert wird.

Die Haftanstalt ist bei Menschenrechtsorganisationen für Folter und unmenschliche Bedingungen bekannt. Bis heute wird der Mediziner dort festgehalten. Der Vorwurf: Er habe spioniert. Ihm droht die Todesstrafe.

Arzt im Hungerstreik 

Seit einigen Wochen befindet sich Djalali im Hungerstreik. Seit dem 26. Dezember protestiert der 45-Jährige auf diese Weise gegen seine willkürliche Inhaftierung und die drohende Hinrichtung. Freunde im Iran, in der Türkei und in Europa – Dr. Djalali hat unter anderem am Forschungsinstitut für Notfallmedizin Crimedim in Novara (Italien) gelehrt – haben sich zusammengeschlossen, um ihm zu helfen.
Eine an den iranischen Präsidenten Hassan Ruhani gerichtete Petition im Internet haben schon etwa 200.000 Menschen unterzeichnet. Den Vorwurf, der 45-Jährige habe Spionage für den Erzfeind des Irans, Israel, betrieben, können sie nicht nachvollziehen. Der Katastrophen-Spezialist habe auf seinen weltweiten Reisen zwar auch Mediziner aus Israel getroffen, sich aber lediglich fachlich ausgetauscht. Von Spionage könne keine Rede sein.

Auch in Baden-Württemberg findet die Aktion Unterstützer. Darunter ist der aus Heilbronn stammende Tübinger Arzt und Katastrophenmediziner Robert Wunderlich, selbst Gründer einer Hilfsaktion für Uganda. Er hat Djalali als seinen Dozenten in Novara in Italien kennengelernt. Wunderlich sagte der Heilbronner Stimme: „In Novara habe ich 2015 das Forschungsinstitut Crimedim besucht, in dem Ahmadreza zu der Zeit angestellt war und für die Betroffenen von Katastrophen weltweit sehr erfolgreich geforscht hat.“

Er beschreibt Djalali als „tollen Menschen und hochkarätigen Wissenschaftler“. Wunderlich fügte hinzu: „Wir wollen ihn unbedingt wieder in unserer Mitte und bei seiner Familie haben. Deshalb bitten wir als Absolventen, Ahmadreza ein neutrales Gerichtsverfahren zu ermöglichen und ihn dann frei zu lassen.“

Schlechter Gesundheitszustand

Nun hat sich die Situation von Djalali dramatisch zugespitzt, berichtet die deutsche Sektion von Amnesty International. Im Dezember 2016 hätten die iranischen Behörden intensiven Druck auf ihn ausgeübt, damit er eine Aussage unterschreibe, in der er „gesteht“, der Spion einer „feindlichen Regierung“ zu sein. Als er sich geweigert habe, sei ihm damit gedroht worden, ihn wegen „Feindschaft zu Gott“ anzuklagen. Darauf steht im Iran die Todesstrafe.

Professor Ahmadreza Djalali ist Mediziner und Forscher. Foto: privat

Am 26. Dezember sei der Arzt dann in einen Hungerstreik getreten, berichtet Amnesty weiter. Sein Gesundheitszustand habe sich sehr verschlechtert. Djalali habe seit seiner Festnahme 20 Kilogramm Gewicht verloren. Er sei bereits zwei Mal zusammengebrochen, sein Blutdruck falle immer wieder ab, und er habe Nierenschmerzen.

Am 31. Januar sei er dann ohne Beisein seines Rechtsbeistands dem Revolutionsgericht in Teheran vorgeführt worden. Der Richter sagte ihm, dass er der „Spionage“ beschuldigt werde und ihm daher die Todesstrafe drohen könnte. Ein Anwalt teilte Amnesty mit, dass die iranischen Behörden jedoch zuerst eine Klageschrift veröffentlichen und ein Gerichtsverfahren anberaumen müssen.

Politik schaltet sich ein

Der Fall Djalali bewegt inzwischen auch die Politik. Evelyne Gebhardt, stellvertretende Präsidentin des europäischen Parlaments und Abgeordnete aus Hohenlohe, hat sich am Freitag schriftlich an die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini gewandt. Sie rief Mogherini dahzu auf, alle erforderlichen Schritte zu unternehmen, um das Leben des zweifachen Familienvaters zu retten.

Der Heilbronner Bundestagsabgeordnete Josip Juratovic (SPD) hat sich als Mitglied des Auswärtigen Ausschusses an das Auswärtige Amt gewandt mit der Bitte, den Fall zu prüfen und zu thematisieren. Juratovic sagte der Heilbronner Stimme: „Für die Einhaltung der Menschenrechte tue ich alles, was in meiner Macht steht. Das wichtigste ist: Transparenz herstellen. Die Opfer bekommen auf der internationalen Bühne einen Namen und ein Gesicht. Das ist der beste mögliche Schutz.“

Der Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour forderte die unverzügliche Freilassung Djalalis. Er sagte der Stimme: „Die Situation ist äußerst besorgniserregend. Der ganze Vorgang hat mit Rechtsstaatlichkeit nicht zu tun. Leider ist dies kein Einzelfall. Aber in drei Monaten sind Wahlen im Iran, und es gibt verschiedene Lager, die sich gegenseitig bekämpfen.“ Der Deutsch-Iraner ergänzte: „Die Hardliner im Iran haben leider kein Interesse an Aussöhnung und Verständigung. Sie nehmen solche Menschen als Geiseln.“

Amnesty: Folter an der Tagesordnung

In einem Amnesty-Report heißt es: „Ahmadreza Djalali hat gesagt, dass seine Verhörer ihn in Einzelhaft beschimpften, bedrohten und ihm unter anderem ankündigten, ihn in das Raja’i Shahr-Gefängnis in Karadsch zu bringen, wo man ihn unter extrem schlechten Haftbedingungen mit Todeskandidaten zusammenlegen würde.“

Der Umgang mit Djalali ist demnach kein Einzelfall. Für das Jahr 2015 bilanzierte Amnesty: „Die Rechte auf freie Meinungsäußerung, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit waren weiterhin stark eingeschränkt. Journalisten, Menschenrechtler, Gewerkschaftler und Personen, die Kritik äußerten, wurden aufgrund von vage formulierten und überaus weit gefassten Anklagen festgenommen und inhaftiert.“ Folter und andere Misshandlungen sind demnach an der Tagesordnung und blieben straflos. Gerichtsverfahren waren unfair und in einigen Fällen endeten sie mit Todesurteilen.

Robert Wunderlich hofft inständig, dass das Leben seines Professors verschont wird. Sein Appell ist denn auch ein Hilferuf: „Es darf nicht sein, dass ein Forscher aufgrund seiner Forschung für das Gute so bestraft wird.“

Zur Person

Ahmadreza Djalali arbeitet seit 1999 im Bereich der Katastrophenmedizin. Die Hilfe für ihn wird angeführt vom Forschungsinstitut Crimedim unter Leitung von Professor Francesco Dellacorte und dem in der Türkei lebenden Professor Hakan Altintas. Djalali, verheiratet und Vater von zwei Kindern (5 und 14 Jahre alt) verließ 2009 den Iran, um seinen Doktor am Karolinska-Institut in Schweden zu machen. Zudem hat er als Dozent in Italien und in Brüssel gearbeitet.

Hilfsaktion im Internet

Erschienen in der Heilbronner Stimme am 11. Februar 2017.