Raumfahrt-Concret: Interview zum DLR-Standort Lampoldshausen

11/07/2016

Interview von Juli 2016. 

RC: Welche industriepolitische Bedeutung hat für Sie die Raumfahrt und Weltraumforschung in Deutschland, respektive Europa? Benötigt Europa einen eigenen Zugang zum All?

Josip Juratovic: Die Raumfahrt und Weltraumforschung hat eine große industriepolitische Bedeutung für Deutschland, aber auch für Europa. Wenn man bedenkt, dass die Raumfahrt auch Bereichen wie der Klima- und Gesundheitsforschung, der Seenotrettung und auch der Grenzsicherung zu Gute kommt, kann man erahnen, wie viele Industriezweige mit der Raumfahrt vernetzt sind. Sie alle profitieren von einer erfolgreichen Raumfahrt und Weltraumforschung. Hinsichtlich der Frage nach einem eigenen Zugang zum All wünsche ich mir vor allem eine enge Zusammenarbeit. Ich bin allerdings Realist und weiß, dass Staaten auch in der Raumfahrt eigene Interessen verfolgen. Angesichts der hohen industriepolitischen Bedeutung ist ein eigener europäischer Zugang zum All demnach unvermeidlich. Dennoch soll eine weitreichende Zusammenarbeit überall dort stattfinden, wo es möglich ist.

RC: Lampoldshausen gilt von der Einwohnerzahl her mit dem DLR, der ESA und der Airbus Defence and Space GmbH als der größte Raumfahrtindustriestandort Deutschlands. Welche wirtschaftliche Bedeutung hat dies für die Region?

Josip Juratovic: Laut Fokus Deutschland ist das Heilbronner Land unter 402 Landkreisen auf Platz zwei hinsichtlich der Innovationsfähigkeit von Unternehmen. Das DLR-Institut für Raumfahrtantriebe hat dabei einen maßgeblichen Anteil, denn es prägt das Image der Region als „Region der Wissenschaft und des Fortschritts“. Zusätzlich sind am Standort Lampoldshausen rund 600 Mitarbeiter beschäftigt.

RC: Ist die Akzeptanz des Standortes in der Öffentlichkeit durch die Öffentlichkeitsarbeit und das neue Museum gestiegen?

Josip Juratovic: Die Bedenken gegen den Standort Lampoldshausen waren hauptsächlich durch den entstehenden Lärm und den Naturschutz geprägt. Wenn man so will, kann man von einem Spannungsfeld zwischen Tradition und Zukunft sprechen. Durch die Öffentlichkeitsarbeit und das Museum kann sich die Bevölkerung aber nun über die Tätigkeit und Abläufe am Standort Lampoldshausen informieren. Dies führt bei vielen zu einem besseren Verständnis und letztlich zu einer steigenden Akzeptanz, wenngleich sich nicht jeder Umweltschützer überzeugen lässt.

RC: Wie schätzen Sie die Attraktivität des Standortes für hochqualifiziertes Personal ein – und welches Optimierungspotential sehen Sie an der Stelle, falls erforderlich? Geht von Lampoldshausen – zumindest regional – ein Einfluss auf die Berufs- und Studienwahl junger Menschen und insbesondere auf Mädchen bzw. junge Frauen im Hinblick auf MINT-Fächer aus? Was könnte der Standort hier zur weiteren Optimierung beitragen?

Josip Juratovic: Das „Forum Ariane Lampoldshausen“ bietet Informationsveranstaltungen an. Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten sollen sich für die Studiengänge und Berufe begeistern, die zur Raumfahrtbranche gehören. Insofern geht mit Sicherheit ein gewisser Einfluss auf die Berufs- und Studienwahl vom Standort Lampoldshausen aus. Wie groß dieser ist, kann ich allerdings nicht beurteilen. Die Attraktivität von Lampoldshausen ist aber offensichtlich hoch, denn Klagen über zu wenig hochqualifiziertes Personal habe ich von dort noch nicht vernommen.

RC: Erwarten Sie von der Einführung der Ariane 6 in zwei Versionen für Starts im Monatstakt eine Steigerung der Zahl von Arbeitsplätzen und wird sich die Politik aktiv dafür einsetzen, dass Lampoldshausen. auch bei der Fortentwicklung der Ariane 6 und eines eventuellen Nachfolgers eine entscheidende Rolle spielt?
Josip Juratovic: Ich gehe davon aus, dass durch die Einführung der Ariane 6 auch die Anzahl der Arbeitsplätze in Lampoldshausen steigen wird.

Die Politik hat den Standort Lampoldshausen im Fokus und unterstützt diesen auch. Dies kann man u.a. daran erkennen, dass am 16. Juli 2014 die parlamentarische Staatssekretärin des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie Brigitte Zypries und der baden-württembergischen Wirtschaftsminister Nils Schmid zusammen mit mir den Standort Lampoldshausen besucht haben. Hierbei wurde dem DLR und der ESA volle Unterstützung zugesagt.

RC: Wie weit unterstützt die Politik die Entwicklungsarbeiten an kleineren Triebwerken für Satelliten und Raumsonden und welchen Beitrag kann sie leisten, um diese Kompetenz zu erhalten und auszubauen?

Josip Juratovic: Es gibt beispielsweise das Fachprogramm „Weltraumforschung und -technik“ der Bundesregierung. Gefördert werden Aktivitäten zur Entwicklung und zur Bereitstellung von Raumfahrtsystemen (Transportsysteme, Satelliten, Raumstation) sowie Experimente und Instrumente für die grundlagen- und anwendungsorientierte Forschung. Das Programm ist ein so genanntes Fachprogramm. Diese Programme haben zum Ziel, in ausgewählten Bereichen einen im internationalen Maßstab hohen Leistungsstand von Forschung und Entwicklung zu gewährleisten.

RC: Würden Sie sagen, dass der Standort Lampoldshausen auch durch die Landesregierung BW und durch die Bundesregierung besondere Wertschätzung bzw. Aufmerksamkeit erfährt, und woran kann man das festmachen?

Josip Juratovic: Ob die neue grün-schwarze Landesregierung dem Standort Lampoldshausen besondere Wertschätzung bzw. Aufmerksamkeit zukommen lassen wird, kann ich noch nicht beurteilen. Für die alte Landesregierung und die Bundesregierung traf bzw. trifft dies zu. Den Besuch von Wirtschaftsminister Nils Schmid und Staatssekretärin Brigitte Zypries im Sommer 2014 habe ich bereits erwähnt.

RC: Herr Juratovic, Es ist zu lesen, dass Sie sehr technikaffin sind.

Josip Juratovic: Ich habe mich schon sehr früh für technische Dinge interessiert. Das widerspiegelt sich auch in meinem Beruf als Automechaniker, in dem ich viele Jahre bei Audi gearbeitet habe. Ich finde die Weltraumforschung sehr spannend, weil wir eigentlich auf einem Planeten leben, der uns riesig vorkommt, aber im ganzen Universum doch nur ein winziges Staubkorn ist. Selbst heute gibt es auf der Erde noch Regionen, die völlig unerforscht sind, wenn ich z.B. an die Tiefsee denke.

RC: Alexander Gerst beschwört es fast immer wieder, wie zerbrechlich unsere Erde aus dem All erscheint und wir nur diese eine Erde haben, die es auch zu schützen gilt. Sollte man da nicht global viel mehr unternehmen, gerade in der wissenschaftlichen Zusammenarbeit?

Josip Juratovic: Ich denke, man kann gar nicht mehr auf ein gemeinsames Wissen verzichten. In jedem Land gibt es Genies und wir wissen ganz genau, dass diese Genies die Menschheit nach vorne bringen. Genies sollten im übertragenen Sinne keine Nationalität und keine Religion haben. Ihr Wissen muss gebündelt und im Interesse der gesamten Menschheit genutzt werden. Auf der anderen Seite existieren natürlich auch wirtschaftliche sowie politische Interessen und Machtkämpfe, worunter die Wissenschaft leidet. Überall, wo ich mit Wissenschaftlern spreche, z.B. in Lampoldshausen, besteht gegenseitiger Respekt bzw. Anerkennung gegenüber der jeweiligen Arbeit, egal, ob die Person aus Deutschland, Frankreich, Russland oder Amerika kommt. Das würde ich mir auch in der Politik wünschen.

RC: Ich höre daraus, dass Sie sehr dafür wären, dass man die ISS nicht aufgibt oder aber ein Nachfolgeprojekt wie das von Prof. Wörner vorgeschlagene Moon ViIllage errichtet?

Josip Juratovic: Das wäre mein Wunsch. Wir brauchen einen Ort, an dem Menschen unabhängig ihrer politischen und religiösen Ansichten zusammenarbeiten können. Wir brauchen einen Ort, an dem Menschen unabhängig ihrer politischen und religiösen Ansichten zusammenarbeiten können. Was wir gar nicht gebrauchen können, ist, dass wir unsere Probleme und Konflikte auch in den Weltraum tragen, dass sich auf künftigen Stationen, ob nun in der Erdumlaufbahn oder auf dem Mond, nationale oder politische Kolonien bilden.

RC: Wie ist Ihre Meinung zu außerirdischen Intelligenzen?

Josip Juratovic: Es ist schwierig zu glauben, dass wir die Einzigen sind. Und ich hoffe auch, dass wir es nicht sind. So wie die Europäer vor einigen Jahrhunderten Amerika entdeckt haben, hoffe ich, dass der Forscherdrang auch im Weltraum fündig wird und wir eines Tages neue Kulturen entdecken.

Online verfügbar unter www.raumfahrt-concret.de.