19. Internationale Berliner Begegnung

27/06/2014

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

liebe Freunde,

mein Name ist Josip Juratovic und ich bin Bundestagsabgeordneter der SPD seit 2005. Mein Alleinstellungsmerkmal ist nicht, der einzige Kroate oder Ex-Jugoslawe zu sein, sondern ich bin der einzige Fließbandarbeiter im Deutschen Bundestag.

Das hört sich zwar sehr romantisch an, ist jedoch nicht ganz einfach.

Schon bei meiner Nominierung im Wahlkreis habe ich, gegen die Empfehlung meiner Parteispitze vor Ort kandidiert und gewonnen. Auch um den sicheren Listenplatz habe ich ebenfalls, gegen die Empfehlung der Parteispitze kandidiert und gewonnen. Alles wie in einer Trance und doch immer, vor jeder Entscheidung auf Gott vertraut mit den Worten: „Herr Dein Wille soll geschehen!“

Als ich dann in den Deutschen Bundestag kam, wurde ich mit vielen Fragen konfrontiert. Ich war sehr verunsichert und verängstigt. Werde ich den gestellten Erwartungen gerecht? Bin ich den Aufgaben gewachsen? Kann ich als einfacher Kfz-Mechaniker auf Augenhöhe mit den anderen Kollegen arbeiten?

Ich vertraute auf Gott und bat ihn um Hilfe. Es dauerte nicht lange und ich bekam eine Einladung zum Gebetsfrühstück. Ich fand es interessant, dass es einen Raum gab, wo wir uns überfraktionell und überkonfessionell treffen können, und allein unter uns, unsere Herzen und unsere Gedanken Gott widmen konnten.

So wie es in der Präambel unserer Verfassung geschrieben steht: „Im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott und den Menschen“ Als ich an meinem ersten Gebetsfrühstück teilnahm und auf die einführenden Worte aus dem Losungsbuch hörte, die Gedanken und Gefühle meiner Mitschwestern und Mitbrüder erfuhr, war ich ergriffen. Menschen, die im Plenum so sicher wirkten, erzählten, dass sie in ihrem innersten Herzen die gleichen Gedanken, ja Bedenken und Verunsicherung erleben. Mit Gott hadern – genau wie ich – da wusste ich, JA Du bist richtig im Bundestag und Du bist richtig im Gebetsfrühstückskreis.

Seit dem, ist der Gebetsfrühstückskreis am Ende jeder Sitzungswoche, nach so vielen gesellschaftlichen, taktischen und politischen Fragen, die ich häufig als ein eng geschnürtes Korsett empfinde, für mich eine Oase des Friedens und der Menschlichkeit.

Im Bund mit meinen Schwestern und Brüdern und Gott durch Jesus Christus.

Gebetsfrühstück ist für mich eine Oase, in der wir unsere Herzen sprechen lassen, umgeben von gleichgesinnten Menschen und ohne Angst vor der Schelte der Öffentlichkeit. Daraus schöpfen wir Kraft und Mut in unserem politischen Einsatz für eine bessere, gerechtere Welt. In Verbindung mit Gott durch Jesus Christus.

Liebe Schwestern und Brüder, ich freue mich sehr, dass unsere heutige Losung ein Thema der Bergpredigt trägt „Selig sind die Friedfertigen“

Als gebürtiger Kroate erlebte ich wie die meisten der ehemaligen Jugoslawen ein Trauma, dass mich lebenslang begleiten wird. Ich träumte einst, vom demokratischen Jugoslawien und bekämpfte die Kommunisten. Als es soweit war, dass die Kommunisten besiegt waren, kam die Hölle der Nationalismen von denen sich die Völker bis heute nicht erholt haben. Ich war fassungslos als ich erleben musste, wie Menschen ihre Richtung ändern konnten, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind und wie schnell die Dämonen ganze Völker verblenden und ins Verderben stürzen. (Das ist fast Palmsonntag und Karfreitag) Begeisterung und Hass ganz nah beieinander.

Mehr tote Kinder als Soldaten in Bosnien und Herzegowina, Millionen auf der Flucht. Auch in meinem Haus waren 18 Flüchtlinge. Serben, Kroaten Bosniaken.

Aber trotz schlimmster Grausamkeiten traf ich immer wieder Menschen, die unter größter Gefahr, ihr eigenes Leben für andere aufs Spiel gesetzt haben. Ich sah auch Christus in diesen Menschen.

Und diese Menschen gaben mir Mut, nach Menschen zu suchen, die sich wie ich in eigenen Reihen trauen, gegen die nationalistische Erblindung Widerstand zu leisten. Nach Matthaus 7, Vers 3

„Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“

Es war nicht die Angst die mich lähmte, den mein Leitspruch aus 2. Timotheus 1, Vers 7 lautet:

“ Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und des gesunden Sinnes.“

Mich schmerzte vielmehr, dass meine besten Freunde von einst, einen riesengroßen Bogen um mich machten. Wie einsam musste sich Jesus Christus am Kreuz fühlen?

Jesus Christus ist mein Trost und meine Hoffnung.

Trost – im Bewusstsein wie klein und bedeutungslos mein Schmerz ist, verglichen mit dem was Jesus am Kreuz für uns Menschen erduldet hat.

Hoffnung – dass er mich nicht fallen lässt. Hoffnung ist auch das, was ich in Bosnien und Herzegowina sehe.

Nach der Flutkatastrophe in Kroatien, Bosnien und Serbien, konnte ich sehen wie man sich, über Nationalitäten und Ländergrenzen hinweg, gegenseitig half. Als wir in Heilbronn eine Hilfslieferung für Bosnien organisierten, kam eine Serbin aus Mannheim und brachte zwei Paletten Trinkwasser und sagte:“ Meine Eltern sind in Serbien stark von der Flut betroffen, ich kann nicht zu ihnen, nehmt das Wasser nach Bosnien mit. Es wird auch dort dringend gebraucht.“

Es war für mich sehr eindrucksvoll, wie Menschen unterschiedlichster Nationalitäten in einem Konfliktfall sich gegenseitig beistehen und helfen.

Das ist für mich ein lebendiger Christus – und für mich die Bestätigung, dass Politiker den Menschen zwar die Köpfe verdrehen können, aber nicht die Herzen!

Politik die den Verlust Menschenleben in Kauf nimmt, ist keine Politik sondern ein Verbrechen!

Heute bin ich im Auswärtigen Ausschuss, und ich sehe entsetzt, wie sich das Geschehen des ehemaligen Jugoslawiens wiederholt. In Nordafrika, Asien, Osteuropa – 40 Millionen Menschen auf der Flucht!

Aus totalitären Regimen entstehen Anarchien, Kriegsherren die sich bereichern, während Millionen von Menschen, – Frauen, Kinder, Alte – in die Flucht getrieben werden und oft in Auffanglagern eine elendes Dasein führen.

Das Mittelmeer wird zunehmend ein Massengrab. Leider dealen einige Politiker mit den Verbrechern, frei nach dem Motto: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“

Es ist eine Doppelmoral wenn wir Märkte erobern, mit Waffen handeln, um billige Rohstoffe wetteifern und gleichzeitig humanitäre Hilfe anbieten und um ein paar tausend Flüchtlinge feilschen, obwohl die EU in naher Zukunft 30 Mio. Neubürger benötigt.

Jesus hat nicht gedealt, er wusste, dass der Geist willig ist und das Fleisch schwach.

Er verhinderte Steinigung, aber mit dem Hinweis: „Gehe und sündige nicht mehr.“

Jesus vergibt, aber schließt keine Kompromisse auf Kosten des Schöpfers.

Lasst uns aus unserer Begegnung heraus, Jesus in die Welt tragen.

 

Gott segne Sie.