IG Metall: Der Wandel des Arbeitskampfes

07/07/2016

Beitrag in der Bietigheimer Zeitung vom 7. Juli 2016 | MARTIN TRÖSTER

Der Wandel des Arbeitskampfes

An diesem Wochenende hält die IG Metall Baden-Württemberg ihre Bezirkskonferenz in Ludwigsburg ab.


Die IG Metall gilt als Gewerkschaft, die nicht zuletzt aufgrund ihrer Mitgliederstärke den Arbeitgebern das Fürchten lehren kann. Auf diesem Bild ist ein von der IG Metall organisierter Warnstreik im Mai am Bahnhof in Bietigheim-Bissingen zu sehen – mit Mitarbeitern unter anderem von Bosch, Valeo und Dürr. Fotograf: Martin Kalb

So langsam kann man von einem Heimspiel sprechen: Wenn an diesem Wochenende die baden-württembergische IG Metall im Ludwigsburger Forum am Schlosspark ihre Bezirkskonferenz abhält, müsste sich Roman Zitzelsberger in der Stadt mittlerweile ganz gut zurechtfinden. So kam der Landes-Chef nicht nur im Januar vergangenen Jahres ins Forum, um mit dem Arbeitgeberverband Südwestmetall einen Tarifabschluss zu erfeilschen – regelmäßig findet dort zumindest eine Verhandlungsrunde statt. Im Landkreis Ludwigsburg, sagt Zitzelsberger, seien nicht nur starke Betriebe ansässig wie zum Beispiel Valeo, sondern er habe auch den Vorteil, im Großraum Stuttgart geeignete Veranstaltungsräume zu bieten. Daher die Wiederkehr.

Aufsehenerregendes erwarten zumindest die von der BZ befragten Teilnehmer nicht von der Konferenz. Und doch gibt es einen Grund zu feiern: Wenn der Bezirksleiter Zitzelsberger seinen Geschäftsbericht vorträgt, die Delegierten Beschlüsse fassen und sich in ihre Fachkonferenzen aufteilen, geschieht das heuer im Jahr des 125-jährigen Bestehens. Fünf Vierteljahrhunderte, in denen sich nicht nur in der Arbeitswelt der Metall- und Elektroindustrie viel verändert hat. Allein in den vergangenen 30 Jahren hat sich viel bei der IG Metall getan.

Der Heilbronner Bundestagsabgeordnete Josip Juratovic, der den hiesigen Wahlkreis Neckar-Zaber mitbetreut, ist seit 1983 Mitglied der größten und mächtigsten Gewerkschaft Deutschlands. Er erinnert sich noch gut an die Zeit, in der die IG Metall für eine 35-Stunden-Woche gekämpft hat. „Da waren wir noch wochenlang zu Hause.“ Doch auch Juratovic, der betont, mit der IG Metall noch immer „sehr eng verbunden“ zu sein, sieht es als einen gehörigen Fortschritt an, dass die Fronten nicht mehr so verhärtet sind wie damals. „Beide Seiten wissen eins: Wochenlange Streiks kann man sich nicht jedes Jahr leisten, das verändert das ganze System.“ Man sehe das deutlich in der Industrie, in der die IG Metall einen hohen Organisationsgrad hat. Dort herrsche in der Regel ein besseres Klima, nicht zuletzt, weil Gewerkschaft und Betriebsräte oft an einem Strang zögen. Nach dem allmählichen Erstarken der Betriebsräte von den 1970er-Jahren bis zu den 1990er-Jahren sei die IG Metall zum wichtigen Partner der Betriebsräte geworden: „Man hat dank eines Betriebsrates, der von den Gewerkschaften den Rücken gestärkt bekommt, in einem Unternehmen viele Reibungsverluste bei Konflikten vermieden.“ Viele Konflikte seien deshalb sanfter abgelaufen.

Auf die Frage, was sich in den letzten Jahrzehnten am stärksten am Arbeitskampf verändert hat, nennt Konrad Ott etwas anderes. Aus Sicht des Ersten Bevollmächtigten des Verbandes Ludwigsburg haben vor allem die Versuche der Betriebe zugenommen, vom Tarifvertrag abzuweichen. „Das hat sich zu einem starken Konfliktherd entwickelt.“

Ein großes Thema der Zukunft wird für die IG Metall das Thema Industrie 4.0 sein, darin sind sich Ott und Zitzelsberger einig. Was auch nicht verwundert: Die Digitalisierung der Arbeitswelt galoppiert insbesondere in der Industrieproduktion mit riesigen Schritten heran. Während Zitzelsberger betont, wie wichtig wegen der erwartbaren Veränderungen in der Arbeitswelt auch künftig eine starke IG Metall sei, zeigt sich der Ludwigsburger Gewerkschafts-Chef gelassen, wenn es um das Thema Industrie 4.0 und all die oft auch von Gewerkschaftsseite betonten Risiken geht, insbesondere für gering Qualifizierte: Ott sagt, er könne aus seiner Erfahrung heraus bislang „keinen einzigen Betrieb nennen“, in dem wegen Veränderungen, die in einem Zusammenhang mit Industrie 4.0 stünden, Arbeitsplätze weggefallen seien. Rationalisierungsprozesse, in deren Folge Arbeitsplätze abgebaut werden, gebe es natürlich. Das müsse aber nicht dem Vormarsch von Industrie 4.0 geschuldet sein, auch wenn Arbeitgeber bisweilen so argumentierten: „Nicht überall, wo Industrie 4.0 drinsteht, ist auch Industrie 4.0 drin.“

Die IG Metall – und die Gratulation des Ludwigsburger Arbeitgeberverbandes zum Jubiläum

Die Größte und Stärkste Am Freitag und am Samstag, 8. und 9. Juli, hält die IG Metall Baden-Württtemberg ihre Bezirkskonferenz in Ludwigsburg im Forum ab. Bundesweit hat die IG Metall fast 2,3 Millionen Mitglieder, in Baden-Württemberg etwa 430 000 und im Verband Ludwigsburg 11 800. Sie ist die größte Einzelgewerkschaft in Deutschland – und sie ist die mächtigste, nicht zuletzt, weil sie im Schlüsselbereich der deutschen Wirtschatt verhandelt: in der Metall- und Elektroindustrie. In diesem Jahr feiert die IG Metall bundesweit ihr 125-jähriges Bestehen.

So gratuliert der natürliche Gegner Der Arbeitgeberverband Südwestmetall handelt mit der IG Metall Tarifverträge aus. Thomas Class, Geschäftsführer der Südwestmetall Bezirksgruppe Ludwigsburg, gratuliert auf Anfrage der BZ der IG Metall mit folgenden Worten zum 125-jährigen Bestehen: „Herzlichen Glückwunsch zu diesem bemerkenswerten Jubiläum. Die IG Metall steht für bewährte Tarifpartnerschaft, beispielsweise in der  schweren Krise 2008/2009, die wir gemeinsam gut bewältigt haben. Unsere Gesellschaft und unsere Industrie stehen vor großen Umwälzungen wie der Globalisierung, der Digitalisierung und dem demografischen Wandel. Gestalten können wir diese in der Zukunft nur, wenn wir uns auch weiterhin diesem permanenten Wandel stellen. Die IG Metall hat dabei ihre Wandlungsfähigkeit bewiesen. Das hat sie als Organisation erfolgreich gemacht. Für die Zukunft gilt es aber noch mehr als bisher alte Denkmuster zu überwinden, um die anstehenden Herausforderungen zu meistern. Dazu wünsche ich der IG Metall auch weiterhin viel Geschick und Augenmaß für das Machbare.“ Der baden-württembergische IG-Metall-Chef Zitzelsberger wünscht sich zum Jubiläumsjahr von Südwestmetall übrigens unter anderem, dass der Verband weiterhin ein „streitbarer, fairer und kompetenter Partner auf Augenhöhe“ sei.

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