Auf dem Balkan trennt die jüngste Geschichte die Menschen noch immer – Juli 2015

14/07/2015

Völkermord in Srebrenica vor 20. Jahren: Es wäre höchste Zeit für deutliche Gesten der Versöhnung

Gastkommentar von Josip Juratovic in der Heilbronner Stimme vom 10. Juli 2015

Am 11. Juli 2015 verneigen wir uns zum zwanzigsten Mal vor den Opfern des Völkermordes an mindestens 8.000 bosniakischen Jungen und Männern, die im Zuge des Jugoslawienkrieges im Jahre 1995 von serbisch-bosnischen Truppen in Srebrenica ermordet wurden.

Heute, zwei Jahrzehnte nach diesem Völkermord, entsteht international ein politischer Macht- und Interessenkonflikt. So löste die von Vereinten Nationen vorbereitete Resolution zum Genozid in Srebrenica, in Serbien und in der Republika Srpska, negative Reaktionen aus unter anderem auch deswegen, weil darin der Begriff „Genozid“ verwendet wurde.

Im Gegenzug dazu verfasste Russland, um Serbien entgegenzukommen, einen anderen Resolutionsentwurf, in dem von Verbrechen an allen Volks- und Religionsgruppen die Rede ist. Das Wort Genozid wurde hier vermieden. Die Tatsache, dass sowohl die Vereinten Nationen, unter der Federführung von Groß Britannien, als auch Russland eine Resolution verfasst haben, zeigt, dass der Westbalkan immer noch unter politischem Einfluss anderer Mächte steht – selbst wenn es um die Würdigung der Opfer geht. Gut für die Region wäre gewesen, wenn Serbien und Bosnien-Herzegowina mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft eine gemeinsame Resolution verabschiedet hätten. Damit würden beide Länder symbolisieren, dass ihnen die Zukunft ihrer Völker durch Versöhnung und Frieden in der Region wichtig ist. Indessen wird mit dem Relativieren und gar Negieren des Verbrechens, der Boden für künftige Konflikte geebnet. Vielmehr dominieren Hinhaltepolitik, gegenseitige Schuldzuweisung, und politisches Taktieren im wechselseitigen Länderinteresse.

Vor 20 Jahren ist in Srebrenica ein Massenmord verübt worden. Rückgängig kann dieses Verbrechen nicht mehr gemacht werden. Heute müssen die Länder des ehemaligen Jugoslawiens die Chance ergreifen, nach deutsch-französischem oder deutsch-polnischem Beispiel die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit gemeinsam voranzubringen. Das wäre das wichtigste Zeichen, das der Würdigung der Opfer gerecht wäre.

Deutschland steht durch seine historische Erfahrung in Verantwortung und ist stets bereit für Frieden und Stabilität auf dem Westbalkan Hilfe zu leisten. Allerdings müssen diese die Völker des Westbalkans auch wollen. Politische Machtspiele müssen Versöhnung und Völkerverständigung weichen. Grundvoraussetzung dafür ist aber ein ehrliches Schuldbekenntnis.