Die SPD auf der Suche nach sich selbst

10/11/2017

Erschienen in der Heilbronner Stimme am 10.11.2017 (Hier per Direktlink zum Artikel)

Josip Juratovic fordert: „Ich will meine Arbeiterpartei wieder zurück“, Tanja Sagasser-Beil beklagt das „angestaubte Image“ der sozialdemokratischen Partei, Silke Ortwein will, dass die SPD sich „auf ihre sozialen Wurzeln in der Arbeiterschaft“ besinnt – und der Juso An Tang hofft, dass neue, junge Mitglieder in den Ortsvereinen nicht durch „alte Strukturen verschreckt werden“: Regionale Reaktionen auf den Diskussionsprozess in der Bundes-SPD.

Von Iris Baars-Werner

 Die SPD auf der Suche nach sich selbst

Eine neue SPD, die braucht Josip Juratovic (58) gar nicht. Wenn der noch amtierende Kreisvorsitzende der Sozialdemokraten im Landkreis Heilbronn über die geforderte Erneuerung der SPD nachdenkt, dann gibt es für ihn einen klaren Wegweiser: „Ich will meine Arbeiterpartei wieder zurück.“ Mit dieser Aussage, die er auch im Gespräch mit der Heilbronner Stimme verwendet, schaffte es der Bundestagsabgeordnete im Wahlkreis Heilbronn in die Online-Titelstory der traditionellen SPD-Mitgliederzeitschrift „Vorwärts“.

Für den wegen seiner Abgeordnetentätigkeit freigestellten Audi-Werker steht fest: Die Sozialdemokraten haben sich genug um die Bildungsbürger bemüht, jetzt ist mal wieder das dran, was der Gundelsheimer die „Kernklientel“ einer Arbeiterpartei nennt: „die arbeitende Mittelschicht“. Menschen wie seine früheren Kollegen am Fließband in der Neckarsulmer Autofabrik sieht er stark verunsichert, „ob sie auch morgen noch ausreichend Arbeit haben“, oder ob Dieselskandal, Feinstaubproblem und ein Verbot des Verbrennungsmotors sie als Verlierer zurücklässt. Die SPD müsse schnell zeigen, „dass wir die Dinge im Griff haben und die Zukunft steuern können“. Sicherheit in jeder Hinsicht ist für Juratovic daher das wichtigste Thema – „Schulz oder Scholz ist nicht vorrangig.“ Auch nicht ob es eine Frauenquote in den Vorstandsetagen der Konzerne gebe, „davon hat eine Frau, die zwei Kinder groß zieht und arbeitet, nichts.“

„Die SPD ist etwas lethargisch geworden“

„Wir müssen eine Idee von der Gesellschaft der Zukunft vermitteln“, sagt Tanja Sagasser-Beil, „aber ich weiß nicht, ob wir zurzeit überhaupt eine haben“. Ihre Partei scheint ihr „etwas lethargisch geworden“, für die 41-Jährige hat die SPD ein „verstaubtes Image“. „Andere machen coole Kampagnen“, etwa die FDP: „Wäre ich Wechselwähler, würde ich die auch eher wählen“. In die Ortsvereine müsse wieder Motivation und Engagement einkehren. U oder O, Schulz oder Scholz? „Wenn die inhaltliche Arbeit gemacht ist, können wir in vier Jahren schauen, ob es nicht noch andere Buchstaben gibt“, so die Heilbronner Stadträtin.

Die aktuellen Fragen und die Antworten seiner Partei darauf sind absolut richtig gesetzt für Markus Herrera Torrez (29), der sich gerade um den Vorsitz der Landkreis-SPD bewirbt. Mit dem Motto „Zeit für mehr Gerechtigkeit“, mit dem Martin Schulz den Wahlkampf bestritt, „aber haben wir uns in der SPD selbst zu wohl gefühlt.“ Das sei, meint der Lauffener, der in Brüssel arbeitet, jedoch längst nicht das einzige Thema der Bürger gewesen. Denen sei auch das Thema Sicherheit „in jeder Hinsicht“ wichtig: schere Umgebung, sicherer Arbeitsplatz, sichere Rente.

„Soziale Gerechtigkeit und gesunde Ökonomie“

Europa habe man „fast außer Acht gelassen“, bilanziert Rainer Hinderer (55), am Bundesvorsitzenden Schulz will der Heilbronner Landtagsabgeordnete nicht rütteln: In den Ortsvereinen werde die Personalfrage wenig diskutiert. „Soziale Gerechtigkeit muss mit gesunder Ökonomie verbunden werden“, nennt der SPD-Vorsitzende Heilbronn-Stadt als Schwerpunkt.

Eine SPD, die sich „auf ihre sozialen Wurzeln in der Arbeiterschaft besinnt“, wünscht sich Silke Ortwein (54), Mitglied im SPD-Kreisvorstand und DGB-Funktionärin. Dabei gehe es um die Rahmenbedingungen für Arbeit, um die Rente und bezahlbare Wohnungen. Wichtiger als eine Personaldebatte ist für die Bad Friedrichshallerin eine inhaltliche Neubesinnung.

Junge oder Lebenserfahrene?

„Die SPD mobilisiert derzeit wieder viele Junge“, hat der Juso-Kreisvorsitzende An Tang (20) festgestellt. Wenn die in die Ortsvereine kommen, dürften sie dort aber „nicht durch alte Strukturen und Diskussionen ohne Belang verschreckt werden“, so der Lauffener. Ob das Heil der SPD in den „ganz Jungen“ liegt? Markus Rieger (44) ist davon nicht ganz so überzeugt. „Visionen sind immer wichtig, aber es braucht auch Lebenserfahrung“. Was der Partei momentan fehle, seien „die zwischen 30 und 45, die jeden Tag ins Geschäft gehen“ und die Alltagssorgen mitbekommen. Und das wünscht sich der stellvertretende Vorsitzende des Ortsvereins Böckingen zudem: eine SPD, die wieder etwas weiter nach links rückt.