Es ist kein Makel mehr, Migrant zu sein

18/08/2017

 

Heilbronn  Josip Juratovic (SPD) bewirbt sich um eine vierte Amtszeit in Berlin

Von Gertrud Schubert

Sie hatten Lust auf linke Politik. Jusos aus Baden-Württemberg. Der mit dem Schnauzbart ist Josip Juratovic.Fotos: privat

Zwölf Jahre ist Josip Juratovic (58) jetzt für die SPD im Bundestag. Eine lange Zeit. Eine Zeit, in der er ausdauernd und beharrlich im politischen Berlin und seinem Heilbronner Wahlkreis ein tragfähiges Netzwerk knüpfte. Juratovic setzt nicht auf althergebrachte Seilschaften. Er will nicht als „Lautsprecher“ in den Medien auftauchen. Er hat Kontakte. Und so tritt der Politiker als Vermittler auf. Problemlösungen beginnen damit, dass man die richtigen Ansprechpartner weiß und die Leute zusammen-bringt. Das ist politische Kärrnerarbeit − eine Spezialität des SPD-Mannes aus Gundelsheim. Arbeit und Soziales waren und sind seine Themen. Doch in der letzten Legislaturperiode war Josip Juratovic Berichterstatter für die SPD-Bundestagsfraktion im Auswärtigen Ausschuss. Die Aufgabe ist keinesfalls zufällig über ihn gekommen.

Krieg und Frieden

Bis zu seinem 16. Lebensjahr bei seiner Großmutter in Kroation aufgewachsen, war Juratovic während des Balkankriegs als Mittler zwischen den plötzlich verfeindeten Nationen zahllose Male im ehemaligen Jugoslawien. Zu Hause, in seinem großen Fachwerkhaus in Gundelsheim, gelang mit Familie und vielen Flüchtlingen, was in der alten Heimat vergessen war: ein Zusammenleben in Frieden. „Ich habe Krieg erlebt“, sagt der Bundestagsabgeordnete bitter. Umso wichtiger ist es ihm, für die Einigkeit der Länder in der Europäischen Union einzustehen. „Wer in der Demokratie schläft, wird in der Diktatur aufwachen“, ist Juratovics Leitspruch: „Das ist, was mir am meisten Sorgen macht.“

Josip als 14-jähriger Firmling am Ziehbrunnen im Garten seiner Großmutter.

Nicht nur eindrücklich war es ihm, „wie wir zum ersten Mal den Erdogan erzürnt haben“. Für Josip Juratovic war vergangenes Jahr die Resolution des Deutschen Bundestages zum Völkermord in Armenien „eine historische Abstimmung“. Aus zwei Gründen: Zum einen, weil alle bis auf einen Politiker dahinter standen, auch die elf Abgeordneten türkischer Herkunft, die von Nationalisten und Erdogan massiv unter Druck gesetzt worden waren. Und das Parlament erwies sich als das, was es ist: „Das höchste Organ unserer Verfassung.“ Die CDU/SPD-Regierung hatte sich ja gegen die Resolution gestellt. Umso mehr begrüßt Juratovic das konsequentere Auftreten „seines“ Außenministers Sigmar Gabriel gegenüber dem Machthaber in der Türkei.

Das mag ihn, den Migranten, vielleicht Stimmen kosten. Doch wenn es um demokratische Werte geht, ist Juratovic zu keinerlei Zugeständnissen bereit. „Die Mehrheit steht zu unserem Grundgesetz und unseren Werten“, ist er sich sicher: „Das hat zu 70 Jahren Frieden beigetragen. Deshalb vertrauen die Franzosen uns.“

Er liebt den Trubel in Berlin, das ständige Unterwegssein zwischen Heilbronn und der Hauptstadt, das Gespräch mit zahllosen Leuten. Die Kirche auf dem Michaelsberg bei Gundelsheim ist sein Lieblingsort. Hier kommt Josip Juratovic zur Ruhe.Foto: Veigel

Nicht müde wird Juratovic, vor Schulklassen für die Grundregeln der demokratischen Gesellschaft zu werben und den Jungen zu sagen, dass sie selbst ihre Zukunft gestalten können − und müssen. „Ich gebe Gemeinschaftskunde“, auf das Engagement jedes Einzelnen kommt es an.

Allgemeinbildung

So hat er es selber erlebt, als er 1974 nach Deutschland kam. Er konnte kein Deutsch, aber er hatte einen Schulabschluss, Mut und eine ordentliche Allgemeinbildung und war seinen Klassenkameraden in der Hauptschule immer eine Nasenlänge voraus. Aus Jugoslawien kannte Josip Jugendhäuser, so was wollten sie in Gundelsheim auch haben. Die zwei SPD-Gemeinderäte hatten zwar offene Ohren für sie, standen aber einer Übermacht von 20 CDU-Kollegen gegenüber. So lernten Juratovic und seine Freunde, dass man Mehrheiten und Ausdauer braucht und nicht nachgeben darf. Eine grundlegende politische Erfahrung. Als sie schließlich ihren Jugendtreff bekamen, war Josip schon Kfz-Mechaniker in Mannheim.

Heute rechnet er sich − nicht ohne Stolz − zu den 26 Bundestagsabgeordneten, die einen Handwerksberuf erlernt haben. Aber er ist der einzige, der bei Audi am Band gearbeitet hat. Über die Gewerkschaft und Betriebsratsarbeit kam er in die Politik.

Unvergessen, wie er 1982 an einem SPD-Stand in Mannheim fragte, ob die Partei auch Ausländer aufnähme? Sie wussten es nicht. Gastarbeiter engagierten sich nicht. Wieder in Gundelsheim gründete er mit Freunden eine Juso-Gruppe. Die Jungen waren es auch, die den schläfrigen Ortsverein wach rüttelten. Die Jusos stellten sich 2005 gegen das lokale SPD-Establishment und kürten − unerhört damals − den Migranten zum Kandidaten.

Inzwischen sind 36 Abgeordnete aller Parteien Migranten, das ist kein Makel mehr. Und Josip Juratovic zählt auf die Jungen, heute noch.