Wissenspause Heilbronn: „Roboter und das Kaufland bringen Veränderung“

12/07/2019

Dass Audi einmal Premiumhersteller werden könnte, war in den 80ern für manche nicht vorstellbar. Als Dieter Schwarz das Kaufland jenseits der Stadtgrenze auf Neckarsulmer Gemarkung eröffnete, spürten die hiesigen Händler die Auswirkungen. (von Manfred Stockburger, 12.07.2019)

Die 1980er Jahre, das ist die Dekade, in der Josip Juratovic noch „ein Revoluzzer“ war, wie der SPD-Bundestagsabgeordnete freimütig bekennt. Damals hat er bei Audi in der Lackiererei am Band geschuftet und von Hand den Unterbodenschutz an die Autos gesprüht. Keine leichte Arbeit − und auch keine besonders gesunde. Längst machen dies in Neckarsulm Roboter.

Dass Audi einmal ein Premiumhersteller werden könnte? „Unsere Autos waren natürlich besser“, beantwortet Juratovic die Frage des Heilbronner Archivchefs Dr. Christhard Schrenk. „Aber damals habe ich gedacht: Das ist eine Illusion.“


Foto: Mario Berge

Warum die Region zu dem wurde, was sie heute ist

Trotz vieler tausend Roboter und der aktuellen Probleme sind heute bei Audi Neckarsulm deutlich mehr Menschen beschäftigt. Und die bauen mehr Autos. „In den 1980er Jahren wurde die Grundlage gelegt für die industrielle Revolution, durch die die Region zu dem wurde, was sie heute ist.“

Der Weg war keineswegs einfach. Schrenk erinnert etwa an 100 Insolvenzen in der Heilbronner Industrie, an die Auseinandersetzung um die 35-Stunden-Woche. Und an zahlreiche Betriebe, die ins Umland abgewandert sind, auch viele Einzelhändler. Einen Grund kennt der Kaufmann und damalige IHK-Vizepräsident Thomas Walch: Die Stadt habe auf Wunsch der Händler und der IHK die Bebauungspläne so geändert, dass es außerhalb der Kernstadt keinen Platz für große Händler gab. Das Verhältnis der Kammer sei unter Hauptgeschäftsführer Horst Schmalz, Präsident Otto Christ und OB Manfred Weinmann bestens gewesen. Aber: „Neckarsulm hat das nicht gemacht, da gab es Flächen.“

Den Schaden hatten die Familienbetriebe in der Innenstadt

Das habe dazu geführt, dass Dieter Schwarz sein Kaufland in der Rötelstraße jenseits der Stadtgrenze auf Neckarsulmer Gemarkung eröffnete, so Walch. Die Folge: Seit den 80er Jahren stiegen die Umsätze der Händler in der Innenstadt kaum mehr. Die Abschaffung des Ladenschlusses und des Rabattgesetzes hätten den Familienbetrieben ebenfalls geschadet.

Den „Riesenauflauf“ zur Kaufland-Eröffnung hat auch Juratovic noch im Gedächtnis: „Eine Kiste Mineralwasser zu 1,99 Mark! Für uns Arbeiter mit niedrigen Löhnen war das super. Aber irgendwann hat man das Geschäftsmodell dahinter geschnallt.“ Dass man halt nicht nur den Sprudel mitnimmt, sondern viel mehr. Thomas Walch erinnert daran, dass es in den 1980er Jahren noch andere Namen im Heilbronner Handel gegeben habe als Lidl und Kaufland: Lichdi und Kaiser’s etwa.

Für die Zukunft hofft Walch auf mehr Arbeitsplätze, die Kaufkraft in die Innenstadt bringen. Und Juratovic, dass die Kunst des Kompromisses angesichts „populistischer Abenteuer“ bestehen bleibt.