Ulla Schmidt und Josip Juratovic im Haus Zabergäu

29/06/2012

Pflegekräfte müssen sich geschätzt fühlen

„Ein wichtiger Aspekt unserer Arbeitswelt ist die Wertschätzung der Arbeit. Was ist uns die Arbeit einer Pflegekraft wert und fühlen sich die Pflegerinnen und Pfleger tatsächlich geschätzt“, fragte der Arbeitsmarktpolitiker Josip Juratovic (SPD) bei einem Besuch mit der früheren Gesundheitsministerin Ulla Schmidt im Haus Zabergäu in Brackenheim, einer Einrichtung der evangelischen Heimstiftung.

Die beiden SPD-Bundestagsabgeordneten sind sich einig, dass man für die Pflegeberufe eine vernünftige und ehrliche Bezahlung benötige. „Bund, Länder und Kommunen müssen an einem Strang ziehen. Wir müssen jetzt eine Infrastruktur aufbauen und nicht erst 2030, wenn wir sie benötigen“, so Ulla Schmidt. Die größten Versäumnisse der jetzigen Regierung liegen auf dem Gebiet der Pflegereform, denn die Vorschläge zur Kapitaldeckung der Pflegeversicherung ändern nichts an der Pflegesituation im Moment. „Wir brauchen kein Geld, das bei den Versicherten bis 2030 auf die „hohe Kante“ gelegt wird, sondern wir brauchen das Geld jetzt, um die Situation der Pflegenden und derjenigen, die gepflegt werden, zu verbessern. Wir müssen ihnen jetzt ihren Pflege- und Betreuungsbedarf garantieren“, so die frühere Gesundheitsministerin weiter.

Das Haus Zabergäu ist Mitglied im Pflegenetz Heilbronn. Andreas Haupt, Vorsitzender des Pflegenetzwerks und Leiter von zwei DRK-Pflegeheimen im Landkreis Heilbronn, weiß um den Fachkräftemangel in der Altenpflege und will mit dem Netzwerk diesem entgegenwirken. „Wir haben das Netzwerk gegründet, um auf die knappen Personalressourcen und den steigenden Bedarf in der Pflege aufmerksam zu machen“, so Haupt. Es gehe nicht ums Jammern, vielmehr müsse das schlechte Image des Berufs verbessert werden und die Perspektive des Berufsbildes müsse sich ändern. „Eine Imagekampagne reicht nicht aus, wir müssen die Rahmendingungen verbessern, also zum Beispiel die Arbeitszeiten flexibler gestalten, damit der Beruf auch für Wiedereinsteigerinnen attraktiv bleibt“, so Haupt.

Seit 2010 gibt es einen Runden Tisch mit der Arbeitsagentur, wo nach praxisbezogenen Lösungen gesucht werde. Auch Volker Raith, Geschäftsführer beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Region Heilbronn-Franken, sieht eine Lösung in familienfreundlicheren Arbeitszeiten und einer Umverteilung der Arbeitsbelastung. Ein weiterer Kritikpunkt sei das Wirrwarr bei der Berufsausbildung in den einzelnen Ländern: „Wir benötigen eine einheitliche Grundausbildung.“ So gebe es für die Krankenpflegeausbildung noch genügend Bewerber, bei der Altenpflege hingegen nicht. Wäre die Grundausbildung einheitlich, könnten Pfleger, die in der Krankenpflege keine Stelle finden, leichter wechseln. An der Bezahlung könne es nicht liegen, so Jürgen Link, Geschäftsführer bei der Evangelischen Heimstiftung: Eine ausgelernte Pflegefachkraft erhalte 2400 Euro brutto als Anfangsgehalt. Damit könne man mit handwerklichen Berufen durchaus mithalten. Zudem seien die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten nach der erfolgreichen Ausbildung – auch die Akademisierungsmöglichkeiten – sehr vielfältig, aber leider oftmals gar nicht bekannt.
Bei einem anschließenden Rundgang stellte Hausdirektorin Lilli Haldenwanger die Einrichtung vor, die im Knipfelesweg am westlichen Ortsrand von Brackenheim liegt und Dauerpflege, Kurzzeitpflege, Tagespflege, betreute Wohnungen sowie einen beschützenden Wohnbereich anbietet.

Bereits am Abend vorher hatten Ulla Schmidt und Josip Juratovic im SLK-Klinikum in Heilbronn unter dem Motto „Unsere Gesundheit braucht Solidarität“ eine Diskussion über notwendige Reformen im Gesundheitswesen geführt. Beide sprachen sich für eine solidarische Bürgerversicherung aus, in die alle Bürger entsprechend ihrem Einkommen einzahlen und die Arbeitgeber wieder im gleichen Maß wie ihre Beschäftigten beteiligt werden. Auch hier kam das Thema Arbeitsbelastung und Arbeitspensum des Krankenpflegepersonals zur Sprache.

Bild: Andreas Haupt (ganz links), Ulla Schmidt und Josip Juratovic sprechen mit Beschäftigten aus verschiedenen Pflegeeinrichtungen über die Arbeitsbedingungen – ganz links Lilli Haldenwanger vom Haus Zabergäu.

Heilbronn, den 20.6.2012