Vom Fließband in die Fraktion – Die letzten Arbeiter der SPD

23/07/2018

Erschienen auf Deutschlandfunk.de von Ann-Kathrin Jeske

1959 verabschiedete die SPD das Godesberger Programm. Das war ein tief greifender Wandel von der Arbeiterpartei zur Volkspartei. Inzwischen wird die SPD von immer weniger Arbeitern gewählt und von noch weniger Arbeitern repräsentiert. Der Bundestagsabgeordnete Josip Juratovic ist eine Ausnahme.

Von Ann-Kathrin Jeske

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Josip Juratovic, SPD, spricht am 22. November 2017 im Deutschen Bundestag (imago)

Josip Juratovic (SPD) kandidierte 2005 zum ersten Mal für den Bundestag (imago)

Vom Fließband in den Bundestag: Das ist eine außergewöhnliche Karriere. Josip Juratovic sitzt für die SPD im Parlament und ist einer von zwei SPD-Politikern in der Fraktion, die früher malocht haben. Gerade aber sitzt er auf einer Bierbank in seinem Wahlkreis Heilbronn, um ihn herum alte Bekannte. Freunde aus Kindertagen, frühere Arbeitskollegen und ein paar Genossen. Der Kiosk spielt Musik aus den 80ern, die Themen aber sind aktuell.

AfD statt SPD

Einer der Arbeiter hat AfD gewählt, aus Protest. Im Radio will er das nicht sagen, seinem alten Kumpel Juratovic erzählt er das ganz offen. Und der ist sauer: „Und jetzt hab ich noch mal 93 von deiner Sorte dazu gekriegt. Dein Protest dient nur dazu, dass ich es noch schwerer habe. Und dann kommst du zu mir und sagst: Du bist in Ordnung.“

Inzwischen sind es nur noch 92 AfD-Abgeordnete im Bundestag. Wenn es darum geht, dass sie ihm die Stammwähler abnehmen, kann sich der SPD-Politiker richtig aufregen. Vor allem, wenn sogar sein alter Freund jetzt die AfD wählt. Ein Arbeiter in Rente, dem Juratovic einmal zu einem Job verholfen hatte.

Wahlkampf ohne Arbeitnehmerthemen

Die AfD hingegen tue nichts für die Arbeitnehmer, sagt Juratovic. Und trotzdem ist der Freund nicht der einzige Überläufer. Nirgendwo in Baden-Württemberg war die AfD stärker als in Heilbronn: 16,4 Prozent der Zweitstimmen gingen bei der Bundestagswahl an die AfD. Die SPD landete mit 17,7 Prozent nur knapp davor.

„Ich weiß, dass es Einiges zu kritisieren gibt“, sagt Josip Juratovic. „Unser Problem ist, oder mein Problem ist: Ich muss mich erst einmal in meiner eigenen Partei durchsetzen, und dann krieg ich auch noch von dir einen auf den Deckel. Das heißt, ich werde immer schwächer in der Vertretung eurer Interessen.“

Der Trend ist für Juratovic bitter: 2005, als er zum ersten Mal für den Bundestag kandidierte, da gaben ihm in Heilbronn noch über 33 Prozent der Wähler ihre Erststimme. Heute sind es nur noch 23 Prozent.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gibt dem SPD-Vorsitzenden Martin Schulz am 24.09.2017 in Berlin vor einer Fernsehrunde der Parteivorsitzenden nach der Bundestagswahl die Hand. (dpa-Bildfunk / AP / Gero Breloer)Im Wahlkampf zwischen Bundeskanzlerin Merkel (rechts) und SPD-Kanzlerkandidat Schulz ging es viel um das Thema Flüchtlinge (dpa-Bildfunk / AP / Gero Breloer)

Woran liegt das? „Es gab ja diese große mediale Auseinandersetzung der zwei Kanzlerkandidaten, die Kanzlerin und Schulz“, erinnert sich der SPD-Politiker. „Worum ging es da? Um Arbeitnehmerthemen? 45 Minuten hat man sich über Flüchtlinge unterhalten! Ja, wenn ich nicht Arbeitnehmerthemen behandle und nicht als Thema setze, ja, was will dann der Arbeitnehmer wählen. Der wählt das, was ihm angeboten wird. Und angeboten wurde ihm das Thema Flüchtlinge.“

Schwere Zeiten für den SPD-Politiker, doch er kennt das schon. Heute kommt der Druck von außen, früher kam er aus der eigenen Partei.

Wie der Fließbandarbeiter zur Politik kam

Als es 2005 darum ging, wer in Heilbronn kandidieren sollte, war Juratovic der Außenseiter. Das erzählt Parteigenosse Erich Speidel und erinnert sich noch ganz genau:

„Da hat der alte Bundestagsabgeordnete, der Friese, der Vorgänger, hat kurz vor der Wahl noch gesagt: Josip, noch hast du die Gelegenheit zurückzutreten, weil, das schaffst du von der Bildung her nicht. Weil ein Lehrer der Konkurrent bei der Abstimmung war. Und dann bin ich aufgestanden und habe wirklich geschrien: Das ist die größte Sauerei, die ich in meinem Leben gehört habe!“

Die größte Sauerei war das für Speidel auch deshalb, weil er schließlich selbst Arbeiter war. Gemeinsam mit Juratovic, bei Audi. Juratovic lackierte Unterböden am Fließband, in Schichtarbeit und den Lackdämpfen ausgesetzt.

Erich Speidel: „Der war damals schon Vertrauensmann von der IG-Metall, und der war damals schon anders als die anderen. Von seiner Art her, ausgleichen und wenn man mit ihm geredet hat, hat man gemerkt: Da ist mehr dahinter.“

Und so wurde Juratovic in den 80er-Jahren zum Vermittler zwischen den Arbeitern und dem Betriebsrat. In der Region Heilbronn ist Audi noch immer mehr als ein Arbeitgeber. Mit fast 17.000 Arbeitsplätzen sichert der Autobauer einen guten Teil des Wohlstands. Doch seitdem er und Speidel bei Audi gearbeitet haben, hat sich vieles verändert.

Volkspartei oder Arbeiterpartei?

„Früher hat es die Arbeiter gegeben und die Angestellten“, sagt Juratovic. „Heute habe ich ein Vierkastensystem wie in Indien: Ich habe Angestellte, ich habe die Betriebsleitung, Kernmannschaft, Leiharbeiter, beziehungsweise Befristete. Und da ist nicht mehr so diese Verbindung da drin, diese Solidarität. Und ein Stück weit fühlt sich auch die Kernbelegschaft geschützt darin, dass es noch eine Kaste gibt, die schwächer ist.“

Darüber hätten auch die Gewerkschaften ihre Macht verloren. Und so scheint es, dass in Heilbronn alles miteinander zusammenhängt: Das Schicksal der Arbeiter mit der Schwäche der Gewerkschaften, mit den Stimmverlusten der SPD und der ganz persönlichen Wahlniederlage von Josip Juratovic.

Der Vorsitzende der SPD, Bundesaußenminister und Vizekanzler Willy Brandt, bei einer Stellungnahme vor Journalisten am späten Abend in Bonn am Wahltag, dem 28.09.1969. Die CDU/CSU konnte nicht die erwartete absolute Mehrheit erringen, noch in der Nacht einigten sich SPD und FDP auf eine Regierungskoalition. Willy Brandt wurde der erste sozialdemokratische Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. +++(c) dpa - Report+++ | Verwendung weltweit (dpa)Politisches Erbe: Unter Willy Brandt „war gesellschaftlicher Aufbruch das Erfolgsrezept der SPD“. (dpa)

Hat denn der Ex-Arbeiter Juratovic noch eine symbolische Bedeutung für die Partei? Darüber diskutieren auch die Männer im Kiosk. Nebeneinander sitzen zwei SPD-Mitglieder, wie sie kaum unterschiedlicher sein könnten: ein Audi-Betriebsrat und ein selbstständiger Unternehmer.

„Gibt’s noch Arbeiter bei Audi?“, fragt der Unternehmer. „Ja klar“, antwortet der Betriebsrat. Aber es sind immer weniger Arbeiter bei Audi, gibt der Betriebsrat zu.

Das findet nun der Unternehmer nicht so schlimm: „Wir wollen Volkspartei sein und nicht Arbeiterpartei, deshalb schau ich so kritisch. Also in einer klassischen Arbeiterpartei wäre ich fehl am Platz. Ich habe studiert und ich bin selbstständig. Da pass ich nicht rein. Deswegen hoffe ich, dass die SPD nie wieder Arbeiterpartei wird, sondern dass die SPD eine offene Volkspartei wird und bleibt.“

Der Betriebsrat kann sich ein zynisches Lachen nicht verkneifen.

„Am erfolgreichsten war die SPD, glaube ich, unter Willy Brandt“, mutmaßt der Unternehmer. Und mit Willy Brandt verbinde man nicht einen Arbeiterführer, sondern die Zeit von ‚Demokratie wagen‘. „Da war gesellschaftlicher Aufbruch das Erfolgsrezept der SPD.“

„Idioten von Politikern“

Sein persönliches Erfolgsrezept glaubt Josip Juratovic schon gefunden zu haben. Er ist nicht mehr im Arbeits- und Sozialausschuss, sondern Außenpolitiker und Integrationsbeauftragter der SPD-Fraktion. Seine Herzensangelegenheit: die Demokratie.

Er weiß ganz genau, warum er sich für sie einsetzt. Juratovic ist erst mit 15 Jahren aus dem heutigen Kroatien nach Deutschland gekommen: „Ich kann Ihnen eins versichern. Ich kenne eine ganze Menge Länder, die gerne solche ‚Idioten von Politikern‘ hätte wie Deutschland. Man kann kritisch sein und soll auch kritisch sein, aber man muss auch ein bisschen verstehen, wie wir funktionieren: eine Lösung finden, die auf einem Kompromiss beruht. Die zwar niemanden zu 100 Prozent zufriedenstellt, aber in der sich jeder zurechtfinden kann.“

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