Was nun, SPD?

01/12/2017

Von Iris Baars-Werner

Auf der Suche nach Symbolen für die zwischen Parteiinteresse und Staatsräson zerrissene SPD wird man im Berliner Büro von Josip Juratovic fündig. Der SPD-Abgeordnete des Wahlkreises Heilbronn hat einen Filzhut neben die Mini-Ausgabe eines NSU TT gelegt.

So ein Flitzer war das erste Auto des früheren Bandarbeiters und Audi-Betriebsrates. Das blaue Modellauto ziert ein Porträt von Che Guevara. Filzhut und Revolution? Große Koalition mit der Koalitionspartner an die Wand drückenden Angela Merkel, die er die „schwarze Witwe der Politik“ nennt? Oder Linksruck mit Andrea Nahles und Martin Schulz? Juratovic sitzt wie viele Sozialdemokraten derzeit zwischen den Stühlen.

 „Ich will meine Arbeiterpartei zurück“

„Ich will meine Arbeiterpartei zurück“ hatte der nach einer unruhigen Auszählungsnacht in den Reichstag zurückgekehrte Gundelsheimer nach der Bundestagswahl im „Vorwärts“ bekundet. Die Reaktionen darauf waren fifty-fifty. Im SPD-Fraktionszimmer sitzt Juratovic in der ersten Reihe – Auge in Auge mit der Fraktionschefin und dem Parteiboss. Deren Linie von der Erneuerung der Sozialdemokratie in der Opposition war auch seine. Und nun?

Seine Fraktion in Berlin ist so gespalten wie seine Basis im Landkreis Heilbronn. Diesen Samstag wird Juratovic wenn schon nicht gleich die Erneuerung, so doch zumindest die personelle Verjüngung in seinem eigenen Kreisverband einläuten: Er hat den Juso Markus Herrera Torrez (29) als seinen Nachfolger vorgeschlagen – zunächst mal als Kreisvorsitzender, alles weitere werden die Jahre zeigen.

Es war ihm zunehmend unwohl mit der Situation, dass die Orientierung in der Partei ausgeht „von alten Männern wie ich einer bin“. Juratovic ist da ziemlich uneitel: 58-Jährige wie er werden in der ältesten deutschen Volkspartei sonst eher zu den Jüngeren gezählt. „Uns fehlen die 30- bis 45-Jährigen.“

Zu wenig junge Leute engagieren sich in Parteien

Ob eine jüngere Parteimannschaft auch jüngere Wähler anspricht? Neulich hatte Juratovic mal wieder eine Besuchergruppe im Reichstag. 150 Studenten, alle wissen genau, was die Politik falsch macht. Wer von ihnen in einer Partei mitarbeitet, fragt er, nur eine Handvoll meldet sich.

„Zwei Prozent der Bevölkerung sind Mitglied in einer Partei, ein halbes Prozent hat Anteil an der politischen Gestaltung“, rechnet er im Stimme-Gespräch vor. „Aber dieses halbe Prozent sind für die anderen die Idioten.“ Seine Forderung: „Wir brauchen wieder mehr Respekt und Anerkennung für Politiker in der Gesellschaft.“ Sonst, da ist er ebenso sicher wie besorgt, „können wir einpacken“.

Zeit für Verhandlungen und Gespräche – gerne ohne Handy

Jetzt wünscht er sich erst mal Zeit. Zeit für Gespräche über eine stabile Regierung, für inhaltliche Debatten. Er könnte gut damit leben, wenn dabei die Mobiltelefone und Twitteraccounts für lange Zeit abgeschaltet blieben. Und ja, auch dies bekennt er gegenüber der Journalistin: wenn jetzt länger mal keiner mehr in jedes hingestreckte Mikrofon sprechen würde.

Er selbst ist keiner von denen, die Journalisten die Schlagzeile druckreif liefern. Seine Argumentationslinien sind zu lang für das eine knackige Zitat. Das liegt nicht nur daran, dass sich der gebürtige Kroate immer noch schwer tut mit der Schriftsprache. „Ich rede nur zu den Themen, die ich selbst erlebt habe.“

Einen Bürgerkrieg und die Folgen etwa. Er weiß, was es heißt, wenn ein Flüchtling vor der Zeit nach Hause geschickt wird in ein Heimatland, in dem Rachegelüste und Misstrauen zwischen den Ethnien Alltag sind.

Hier per Direktlink zum Artikel.