Vier Tage Mitglied des Deutschen Bundestages

22/06/2017

Von Lisa Reiff, erschienen am 22.06.2017 in der Heilbronner Stimme.

Im Anzug geht er zum Berliner Reichstag. Die Arbeitsmappe, die mit dem Bundesadler ganz edel aussieht, hat er sich unter den Arm geklemmt. Schon in der U-Bahn wird der große, junge Mann mit Abgeordnetenausweis gemustert und kurz darauf hupt auf der Straße ein Taxifahrer und zeigt ihm den hochgestreckten Daumen. Hochoffiziell sieht der Heilbronner Abiturient Terry Schott aus – sonst geht er lieber in bequemen Jogginghosen zur Schule.

Bei „Jugend und Parlament“ hat er Ende Mai für vier Tage das Outfit gewechselt – und nicht nur das: Zusammen mit mehr als 300 anderen Schülern aus ganz Deutschland hat Schott den Arbeitsalltag von Abgeordneten des Bundestags durchgespielt. „Ich habe mir schon gedacht, dass Politiker einen stressigen Job haben. Ich weiß aber nicht, wie man das über Wochen und Monate durchhält“, schildert der 18-Jährige seine Erfahrung.

Debatten Schott war Mitglied im Integrationsausschuss, hat Gesetzesentwürfe auf den Weg gebracht, an nicht enden wollenden Fraktionssitzungen teilgenommen und schließlich im Plenarsaal debattiert. „Die Diskussionen gingen morgens um acht los und spät abends im Hotel noch weiter“, sagt er. Ein Entwurf, mit dem er sich im Ausschuss beschäftigte, war die Festschreibung von Deutsch als Landessprache im Grundgesetz. Die Herausforderung für seine Mitte-Links-Partei sei gewesen, diese konservative Forderung an die eigene politische Richtung anzupassen und später mit den Konservativen zu koalieren. Nach emotionalen Debatten habe das am Ende nicht funktioniert, drei Stunden Arbeit seien umsonst gewesen: „Und dann stellt man sich vor, dass in Wirklichkeit viel mehr Zeit und Arbeit verloren gehen kann, wenn Verhandlungen scheitern“, erzählt Terry Schott. Diskutieren sei seine Leidenschaft, schrieb er in seiner Bewerbung, die er bei Josip Juratovic, dem Heilbronner SPD-Bundestagsabgeordneten, einreichte. Juratovic, der Integrationsbeauftragter der SPD-Bundestagsfraktion ist, sagt: „Jugendliche, die sich aktiv einbringen möchten, sollen die Möglichkeit bekommen, den politischen Betrieb kennenzulernen und Parlamentsarbeit verstehen.“

Integration In der Heilbronner Fußgängerzone trifft Schott Freunde. Die erste Frage eines Kumpels nach der Begrüßung: „Wie steht‘s um deine Business-Politiker-Karriere?“ Lachend wendet sich Schott ab und erklärt: „Viele meiner Freunde denken jetzt, ich werde Bundeskanzler.“ Auf seinem Profilbild auf Facebook steht er jedenfalls in schwarzem Anzug und weißem Hemd mit ernster Miene am Rednerpult des Bundestags – im Hintergrund der riesige silberne Bundesadler. Ein Freund kommentierte: „Wenn der Bundeskanzler Pole ist“ mit dem Hashtag „Integrationerfolgreich“. Schott hat Wurzeln in Polen und Italien. Schon deshalb interessiert er sich für Integration und fügt hinzu: „Das Thema betrifft mich schon als Deutscher – und hier in Heilbronn gibt es sowieso einen hohen Ausländeranteil.“

Von einem Mandat im Bundestag träumt der Abiturient tatsächlich. Er wisse, dass die  Chancen darauf nicht gerade groß sind. Deshalb will er Betriebswirtschaft studieren. Schott ist kürzlich in die Partei Die Linke eingetreten. Dort will er sich nach dem Abi engagieren. „Richtig gefreut“ hat er sich, Gregor Gysi getroffen zu haben. Als die anderen zur Kanzlerin gerannt sind, habe er sich lieber von ihm ein Autogramm geholt. Politisch festgelegt ist der 18-Jährige nicht. „Zur Not gründe ich meine eigene Partei“, sagt er.